Die Ewigkeit mit dir – der eine Tag
Heut geht es um diesen einen Tag, der eine Tag, der alles verändert hat. Manchmal gibt es Momente, die passieren und nach diesem einen Moment ist nichts mehr, wie es einmal war. Diese Momente verändern dein Leben und teilen es in ein Davor und Danach. Von diesem einen Moment werde ich heute erzählen und wünsche, dass niemand so einen Moment erleben muss. Aber leider passieren sie immer wieder, diese Momente und der eine Tag, wird weiterhin Leben verändern.
Der eine Tag
Am Samstag, den 29.03.2025 standen wir ganz normal auf, wie immer. Er fuhr vormittags ein paar Sachen erledigen und nahm unsere älteste Tochter mit in die Stadt. Ich wartete auf ihn, weil wir gemeinsam mit den Hunden spazieren gehen wollten. Um 11.15 Uhr kam er nach Hause und klagte über Schwindel. Er rief noch seine Internistin am Handy an, aber die ging nicht dran. Ich sagte dann, dass er sich hinlegen soll und ich alleine spazieren gehe.
Ich fuhr um 12.15 mit den Hunden los. Um 12.50 Uhr, ich war schon ein ganzes Stück gegangen, rief mich meine kleine Tochter an und sagte, dass der Papa vor dem Sofa auf dem Boden liegt und was er denn hat. Ich fragte sie, ob er was gesagt hat und sie antwortete, ja, dass er sich ausruht. Dann bat ich sie, nochmal was zu ihm zu sagen, aber er reagierte nur noch mit einem mhhhh. Ich rief den Krankenwagen und kehrte um und sagte meinem 11-jährigem Kind, dass sie die Sanitäter rein lassen und sich so gut es geht darum kümmern soll. Sie sagte, ja das mache ich.
5 Minuten später waren sie da, riefen mich an und ich erklärte ihnen, was passiert ist. Sein Blutdruck war sehr, sehr hoch und sie holten einen Notarzt dazu. Als ich zu Hause war, lag er schon auf der Krankenliege und sie schoben ihn an mir vorbei. Ich fragte, ob sie ihn mitnehmen müssen und der Arzt meinte, ja das ist ein Schlaganfall. Ich war irgendwie erleichtert und dachte: „Ein Schlaganfall, das bekommen wir wieder hin. Dann hinkt er vielleicht oder muss das Sprechen wieder lernen, muss auf Reha, aber das wird wieder und in ein paar Stunden kann ich ihn besuchen und er versteht zumindest, was ich zu ihm sage. Falsch gedacht.
Anruf vom Krankenhaus – der eine Tag
Zwei Stunden später kam der Anruf, Hirnblutung, nicht operabel, künstliches Koma. Ich wusste nicht was ich sagen sollte und die Ärztin meinte, dass ich kommen soll, aber nicht alleine. Ich fuhr mit meiner Mama ins Krankenhaus und sie erklärten mir alles. Die Prognosen seien schlecht, die Blutung muss jetzt von selber aufhören und dann kann man erst sagen, was passieren wird. Nie werde ich diesen Anruf vergessen. Ich werde keinen dieser Anrufe vergessen, aber der hat sich eingeprägt, wie kein anderer.
Es passierte gar nix. Die Blutung blutete 24 Stunden und nachdem das künstliche Koma abgestellt wurde, wachte er auch nicht auf. Er schlief einfach. Die Blutung war 5 cm groß und teilte sich auf beide Seiten auf, sodass das Gehirn nicht ausgleichen konnte. Es war eine Hirnstammblutung, was heißt, dass alle Funktionen beeinträchtigt sind, die schon bei Geburt angelegt wurden. Atmung, Schlucken, Wach-Schlaf-Rhythmus. Er atmete teilweise selber und die Maschine unterstützte nur.
Schon am Montag fragte mich der Arzt, was mein Mann wollen würde. Da es keine Patientenverfügung gab, musste ich ihm das mitteilen. Für mich war klar, wenn sein Leben so aussieht, dann will er das nicht. Auf keinen Fall. Mein lebenslustiger, aufgeweckter, freundlicher Mann, der immer für einen Spaß zu haben war, hätte niemals so leben wollen. Das weiß ich und deshalb werde ich auch niemals mit dieser Entscheidung hadern. Wir haben öfter über solche Themen gesprochen und immer wieder war seine Aussage, dass er das nicht wollen würde.
Die Entscheidung – der eine Tag
Mag sein, dass ich mit vielem hadere, was ich so gemacht habe, aber damit niemals. Ich weiß, was er gewollt hätte und was nicht. Nach 18 Jahren kennt man einen Menschen so gut, um das zu wissen. Ich wurde oft gefragt, von verschiedenen Ärzten. Sie haben alle das Beste getan. Er war ein Kollege und ich habe gespürt, dass ihnen das sehr nahe ging. Ich saß an seinem Bett und habe ihn angefleht, dass er aufwacht. Ich habe geschimpft, geweint und gefleht. Nix hat geholfen, nicht meine Liebe, nicht meine Wut und auch nicht meine Traurigkeit.
Seine Optionen wären gewesen, dass er in einem Pflegeheim vielleicht mal eine oder zwei Stunden wach werden könnte. Mit Unterstützung von Medikamenten versteht sich. Er könnte aber dann nicht selber atmen, nicht schlucken und wahrscheinlich auch nicht sprechen. Er könnte sich so gut wie nicht bewegen oder irgendetwas selber machen. Das wäre kein Leben gewesen für meinen Mann.
Am 03.04.2025 durften meine Kinder ihn nochmal sehen. Sie wussten nicht, dass er bald sterben wird, aber ich wusste es. Sie konnten sich also nochmal verabschieden, ohne zu wissen, dass sie es tun. Um 23 Uhr wurde die Beatmung entfernt. Ich war da. Ich saß an seinem Bett, hielt mich ein letztes Mal an seinem Arm fest und sagte ihm, dass er gehen darf. Meine Seele sagte es seiner Seele.
Und er machte es. Es war friedlich, ruhig und voller Liebe, Schmerz und Traurigkeit. Ich weinte nicht, ich saß nur da und wartete bis seine Herzschläge weniger wurden. Hätte ich geweint, wäre dieser Moment nicht so friedlich gewesen und so voller Hingabe für diesen wundervollen Mann, der 18 Jahre an meiner Seite war. Meine große Liebe, mein Seelenmensch und Vater meiner Kinder. Um 23.21 Uhr schlug sein Herz ein letztes Mal für mich und für die Ewigkeit.
Heute weiß ich, dass er nicht gegangen wäre, wenn ich nicht da gewesen wäre. Er hätte gekämpft bis zum nächsten Tag, bis ich bei ihm bin und seine Seele sich von meiner Seele verabschieden kann. Seelenpartner müssen sich doch voneinander verabschieden können, zumindest tief im Inneren. Und das haben wir gemacht. Auf unsere Art und Weise. Er hat unsere Liebe gespürt als er ging. Er hat gespürt, dass alle an ihn dachten und er hat gespürt, dass alles gut ist, so wie es ist. Denn seine Seele war bereit. Sie wusste es, er wusste es nicht und wenn er hätte wählen dürfen, hätte er wohl anders entschieden. Doch das geht leider nicht, denn es ist uns vorherbestimmt, wann wir gehen und wieder zu Hause einziehen.

Ich hoffe, dass keiner von euch so etwas erleben muss, aber leider wird es immer wieder passieren.
Haltet sie fest eure Herzensmenschen und umarmt sie heute einmal mehr.
Nicole

Hier geht’s zum letzten Teil, so war er.